01.09.2026

Bauen (auch) für Gebäudebrüter und Fledermäuse – Interview mit dem LBV

Planen und Bauen

Nistkästen für Mauersegler, Prinz Eugen Park, München

Nistkästen für Mauersegler, Prinz Eugen Park, München

Foto: Corinna Lieberth

Sylvia Weber, LBV-Beraterin und Expertin für Artenschutz an Gebäuden, im Gespräch mit der BEN

"Gebäudebrüter sind ein wertvoller Bestandteil der Stadtnatur, sie tragen zur Lebensqualität in unseren Städten und Siedlungen bei. Ihr Schutz bedeutet daher nicht nur, gesetzliche Vorgaben einzuhalten, sondern ist auch eine moralische Verpflichtung." 

Sylvia Weber, LBV-Beraterin

 

Gebäude können für Vögel und Fledermäuse sowohl Bedrohung als auch Chance sein. Während viele Arten durch Versiegelung und Lebensraumverlust leiden, profitieren einige spezialisierte Kulturfolger von gut geplanten Quartieren in Fassaden und Dächern. Im Interview erklärt Sylvia Weber, wie Architektur und Artenschutz zusammen gedacht werden können – und warum frühzeitige Planung entscheidend ist.

BEN: Welche Vogel- und Fledermausarten profitieren besonders von menschlicher Bebauung und welche leiden darunter?

Sylvia Weber: Bebauung bedeutet meist Lebensraumverlust: Versiegelung, gefällte Bäume und verschwundene Wiesen treffen vor allem Feldvögel wie Feldlerche, Rebhuhn oder Kiebitz. Auch Gärten und Außenflächen bieten oft kaum Lebensraum, etwa durch Straßen, Parkplätze oder Schottergärten. Profitieren können dagegen spezialisierte Kulturfolger wie Mauersegler, Rauch- und Mehlschwalbe, Haussperling, Turmfalke, Dohle sowie einige Fledermausarten. Voraussetzung: Gebäude werden gezielt tierfreundlich geplant und es bleiben ausreichend insektenreiche Flächen als Nahrungshabitat erhalten.

BEN: Wie können Brutplätze und Quartiere mit konzipiert und entworfen werden?

Sylvia Weber: Die Anforderungen sind stark artspezifisch. Entscheidend ist eine frühe Planung und Zusammenarbeit zwischen Architektur und Naturschutz. Beispiel Fledermäuse: Sie reagieren extrem sensibel auf Details wie Zugluft – schon kleine Fehler führen zur Ablehnung eines Quartiers. Lösungen reichen von individuell geplanten integrierten Quartieren, z. B. in Traufkästen oder (Kirch-)Türmen, bis zu fertigen Niststeinen in Fassaden. Wichtig ist dabei auch die Bauphysik, etwa zur Vermeidung von Wärmebrücken.

BEN: Welche Rolle spielen Nistkästen als Ersatz für verlorene Brutplätze und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Sylvia Weber: Nistkästen sind wichtig als Ersatz für verlorene Brutplätze, sichern aber nur das Minimum der Ansprüche der Gebäudebrüter. Sie erhitzen sich schneller, sind witterungsanfällig und wartungsintensiv. Besser sind integrierte Lösungen im Gebäude, mit größerem Dachüberstand oder integriert in Wände. Zudem sollten mehrere Quartiere angeboten werden, um Ausfälle zu kompensieren. Für standorttreue Arten muss die Einflugsituation möglichst erhalten bleiben.

BEN: Welche Rolle spielen vermehrte Dachausbauten für Nistplätze?

Sylvia Weber: Dachausbauten schaffen zwar Wohnraum ohne zusätzliche Flächenversiegelung, zerstören aber häufig bestehende Quartiere. Das kann für Tiere lebensgefährlich sein, etwa wenn Jungtiere während der Bauphase nicht versorgt werden können. Deshalb ist es wichtig frühzeitig prüfen, ob geschützte Arten vorhanden sind, Bauzeiten anzupassen (idealerweise außerhalb der Brutzeit) und ggf. Interimsquartiere schaffen. Artenschutz ist gesetzlich vorgeschrieben und muss mitgeplant werden.

BEN: Wie kann bei Dachausbauten der Artenschutz weiter berücksichtigt werden?

Sylvia Weber: Neue Quartiere können direkt integriert werden, z. B. in Traufkästen oder in die Fassade mittels Niststeinen. Diese sind aber nicht für alle Gebäudebrüter nutzbar. Für Mehlschwalben helfen Dachüberstände und raue Fassadenanschlüsse, um ihre eigenen Nester zu bauen. Fledermäuse profitieren von speziellen Zugängen zu Spaltenquartieren. Auch bei Fassadendämmung lassen sich Niststeine integrieren. Dabei hilft eine fachgerechte Planung die Probleme wie Verschmutzung oder Wärmeverluste verhindert.

BEN: Gibt es Unterschiede zwischen Neubauten und Bauen im Bestand in Sachen Tierquartiere?

Sylvia Weber: Ja, beim Bauen im Bestand müssen vorhandene Quartiere erhalten oder ersetzt werden. Beim Neubau dagegen können von Anfang an neue Quartiere eingeplant werden, wo es bislang noch keine für Gebäudebrüter gab. Auf der "grünen Wiese" entstehen so gezielt neue Lebensräume, wie etwa in München-Freiham mit über 2000 integrierten Quartieren. Wichtig ist dabei die richtige Platzierung: Vögel bevorzugen eher kühle Nord- und Ostseiten, während Fledermäuse Quartiere in verschiedenen Himmelsrichtungen brauchen, um je nach Mikroklima im Quartier wechseln zu können. Häufig werden diese im Dach- oder Attikabereich integriert, wo sie gut angenommen werden.

Nistkästen für Sperlinge in München-Freiham

Nistkästen für Sperlinge in München-Freiham

Foto: Jakob Fruth
Nistkästen für Fledermäuse und Mauersegler im Domagkpark in München

Nistkästen für Fledermäuse und Mauersegler im Domagkpark in München

Foto: Sylvia Weber

BEN: Wie sinnvoll ist Animal-Aided Design in der Praxis?

Sylvia Weber: Animal-Aided Design verbindet Architektur und Artenschutz und lenkt den Blick früh auf geschützte Stadtnaturarten. Durch die Zusammenarbeit mit Expert:innen können funktionale und gestalterisch integrierte Lösungen entstehen, sodass Baukunst und Artenschutz zusammenwirken. Bei Neubauten ist der Spielraum groß für kreative und wirksame Lösungen. Bei Bestandsgebäuden steht dagegen die Funktionalität im Vordergrund, da Ersatzquartiere die bestehenden Lebensräume möglichst genau erhalten müssen, um die Arten nicht zu verlieren.

Fazit

Menschliche Bebauung verändert Lebensräume tiefgreifend, bietet aber auch Potenzial für neue ökologische Nischen, wenn sie bewusst gestaltet wird. Entscheidend ist ein integrativer Ansatz: Artenschutz muss früh in Planung und Bauprozesse einfließen und artspezifische Anforderungen berücksichtigen. Dauerhafte, in Gebäude integrierte Lösungen sind dabei funktional überlegen gegenüber nachträglichen Maßnahmen. Letztlich zeigt sich: Tierfreundliches Bauen ist nicht nur möglich, sondern ein zentraler Baustein für lebenswerte und biodiversitätsreiche Städte.

Interview: Lucia Nückel, BEN

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