Gesunde Gebäude und schadstoffarmes Bauen – Interview zum Weltgesundheitstag
Planen und Bauen

Petra Wurmer‑Weiß, BEN-Beraterin und Expertin für schadstoffarmes und ökologisches Bauen, im Gespräch mit der BEN
BEN: Frau Wurmer‑Weiß, lässt sich heute ein Gebäude vollständig schadstofffrei bauen?
Petra Wurmer‑Weiß: Ein vollständig schadstofffreies Gebäude ist in der Praxis leider nicht möglich. Deshalb sprechen wir im Bauwesen immer von schadstoffarmen Gebäuden. Der Begriff "Schadstoff" umfasst sehr unterschiedliche Stoffe – von stark gesundheits- oder umweltschädlich bis zu solchen, die nur wenig oder unter bestimmten Bedingungen relevant werden.
Entscheidend ist nicht unbedingt, ob ein Stoff vorhanden ist, sondern welcher Stoff es ist, in welcher Menge er auftritt und welche Wirkung er entfalten kann.
Fazit: Schadstofffrei klingt gut, ist aber kein realistisches Ziel – schadstoffarm ist fachlich korrekt und umsetzbar.
BEN: Gibt es Materialien, die dieser Schadstofffreiheit besonders nahekommen?
Rein mineralische Baustoffe wie Ziegel oder Lehm kommen diesem Ideal schon sehr nahe. Ähnliches gilt auch für Kalkputz oder Silikatfarben, allerdingst sind diese streng genommen schon nicht mehr schadstofffrei, weil sie alkalisch sind und aufgrund der Gefahr von Verätzungen Arbeitsschutzmaßnahmen erforderlich machen. Deshalb halte ich es auch für sinnvoll, den Begriff "schadstofffrei" gar nicht erst in den Vordergrund zu stellen. Er weckt Erwartungen, die technisch nicht erfüllbar und auch nicht erforderlich sind.
Fazit: Der Anspruch auf völlige Schadstofffreiheit führt eher zu Frustration als zu besseren Gebäuden.
Holz gilt oft als besonders gesundes Baumaterial. Ist das aus Ihrer Sicht korrekt?
Holz hat viele Vorteile, es speichert CO2 und spart als nachwachsender Rohstoff Ressourcen Abhängig vom Harzanteil emittiert natürliches Holz jedoch flüchtige organische Verbindungen wie beispielsweise Terpene . Diese Stoffe werden bei Raumluftmessungen erfasst und zusammen mit Emissionen aus anderen Baustoffen bewertet. Hölzer und Holzwerkstoffe können je nach Art und Menge zu Richtwertüberschreitungen beitragen.
Fazit: Holz ist nicht per se gesund – entscheidend ist, wie es verarbeitet und eingesetzt wird. Das gilt aber für viele andere Baustoffe ebenfalls.
Welche Rolle spielt die Holzverarbeitung dabei?
Eine sehr große. Bei industriell verarbeiteten Holzprodukten wie beispielsweise OSB‑Platten können Aldehyde entstehen, die unangenehm riechen und die Raumluftqualität deutlich beeinträchtigen. Formaldehydverleimte Holzwerkstoffe können zu erhöhten Formaldehydemissionen führen. Holz bleibt trotzdem ein sehr wichtiger Baustoff, vor allem als nachwachsender Rohstoff. Wichtig ist jedoch eine bewusste Auswahl, zum Beispiel bei der Holzart und der Verklebung. Harzarme Hölzer wie Weißtanne belasten die Raumluft deutlich weniger als harzreiche Arten wie Kiefer. Und bei den Holzwerkstoffen kommt es auf die Menge an. Außerdem gibt es schon einige formaldehydfrei verleimte Produkte.
Fazit: Holz hat viele Pluspunkte – aber auch hier ist eine differenzierte Materialwahl entscheidend.
Wie beginnt man aus planerischer Sicht mit schadstoffarmem Bauen?
Im Grunde genauso wie bei jedem anderen Bauprojekt. Zunächst werden Funktion, Nutzung und Entwurf geklärt. Parallel dazu sollte man jedoch frühzeitig über die Hauptmaterialien nachdenken. Die großen Bauteile entscheiden aufgrund ihrer Masse über Umwelt- und Klimafragen wie CO2 und Primärenergieaufwand. In der weiteren Detailplanung kommen dann die Schadstoffe zum Tragen, die die Gesundheit oder die direkte Umwelt betreffen. Besonders die Ausbaumaterialien können einen
direkten Einfluss auf die Gesundheit der Nutzerinnen und Nutzer haben.
Fazit: Alles, was oberflächennah ist – Farben, Klebstoffe, Bodenbeläge – kann unmittelbar auf die Menschen im Gebäude wirken.
Wird beim Bauen häufig überschätzt, wie stark gesetzliche Regelungen schützen?
Ja, absolut. Viele gehen davon aus, dass alles, was verkauft wird, automatisch unbedenklich ist. Tatsächlich regelt die Gesetzgebung vor allem die Gefahrenabwehr, also akute Risiken. Der Bereich der gesundheitlichen Vorsorge – etwa langfristige Emissionen – ist kaum gesetzlich geregelt. Hier spielen freiwillige Umweltzeichen eine entscheidende Rolle.
Fazit: Gesetze schützen vor akuten Gefahren – nicht vor allem, was langfristig krank machen kann.
Welche Themen werden in Beratungen der BEN häufig angesprochen?
Häufige Fragen drehen sich um die Materialwahl, geeignete Umweltzeichen sowie um Kriterien für Ausschreibungen. Viele Planende und Bauherrenschaften möchten konkret wissen, worauf sie bei der Produktauswahl achten sollten. Unterstützung bietet dabei das Ökologische Baustoffinformationssystem WECOBIS, das bei der Identifikation von Gefahrenquellen hilft und zugleich schadstoffarme Alternativen aufzeigt.
Als wichtige Orientierung in der Praxis gilt: Bei der Materialwahl sollte möglichst auf Umweltzeichen wie z.B. der Blaue Engel, natureplus, EMICODE oder das eco-INSTITUT-Label geachtet werden, da diese die Standards für schadstoff- und emissionsarme Produkte gewährleisten.
Bedeutet schadstoffarmes Bauen einen Komfortverlust?
Nein, ganz im Gegenteil. Viele schadstoffarme Materialien sind qualitativ hochwertig und sogar komfortabler als konventionelle Lösungen. In vielen Bereichen gibt es schadstoffarme Alternativen ohne funktionale Nachteile.
Fazit: Schadstoffarmes Bauen ist kein Verzicht – sondern eine bewusste Entscheidung für Qualität.
Was ist Ihr wichtigster Rat für Bauherrenschaften und Planende?
Zunächst mal ressourcenschonend planen, möglichst viele nachwachsende Rohstoffe einsetzen, kunststoffbasierte Produkte nur wo nötig verwenden und natürlich möglichst viele schadstoffarme Produkte, am besten mit Umweltzeichen einbauen.
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