Mehr Stadtgrün für klimaresiliente Quartiere

  • Zeitraum: April 2024
  • Beratungsschwerpunkt:
    • Planen & Bauen
    • grüne und blaue Infrastruktur
Zukunftsbild: Innerstädtische Straße mit öffentlichem und privatem Grün, kombiniert mit alternativen Mobilitätsangeboten.
colorierte Zeichnung

Zukunftsbild: Innerstädtische Straße mit öffentlichem und privatem Grün, kombiniert mit alternativen Mobilitätsangeboten.

Foto: © Zukunftsbild IÖW / V. Haese 2021

Stellen Sie sich eine Stadt mit grüner Infrastruktur vor, die öffentliche und private Freiräume sowie begrünte Gebäude nutzt, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Genau das ist das Ziel des Forschungsprojekts "Grüne Stadt der Zukunft". Es bietet Kommunen und Planenden konkrete Umsetzungshilfen für eine klimaresiliente Stadt. Dazu wurde am Beispiel Münchens untersucht, welche Maßnahmen für Stadtquartiere praxistauglich sind. Es ist eine umfangreiche Plattform mit Steckbriefen, Checklisten und Leitfäden entstanden.

Zukunftsbild: Begrünte Gebäude in einem fiktiven kompakt bebauten Neubauquartier mit individuell gestalteten Rückzugorten.
colorierte Zeichnung

Zukunftsbild: Begrünte Gebäude in einem fiktiven kompakt bebauten Neubauquartier mit individuell gestalteten Rückzugorten.

Foto: @Zukunftsbild IÖW / V. Haese 2021

Die sommerlichen Höchsttemperaturen steigen, vor allem Städte heizen sich stark auf.

"Klimaschutz und Klimaanpassung müssen noch viel stärker als bisher den Weg in die Praxis finden",

stellt Markus Weinig M.Sc, Urbanist und Stadtplaner sowie freier Berater der Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit (BEN) der Bayerischen Architektenkammer, fest. Hier setzt das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt "Grüne Stadt der Zukunft – klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt" an. Das Projekt wurde unter Leitung der Technischen Universität München mit den Lehrstühlen für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen von Prof. Dr. Werner Lang und für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung von Prof. Dr. Stephan Pauleit in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der LMU München und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung durchgeführt. Zudem waren die Referate für Klima- und Umweltschutz sowie Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München eingebunden.

"Anlass für das Forschungsprojekt war die Erkenntnis, dass wir zwar viel theoretisches Wissen zur städtischen Klimaanpassung haben, aber nicht klar ist, wie dieses in die Praxis einfließen kann. Es fehlten auch Zahlen und Fakten als Argumentationsgrundlage. Die Grüne Stadt der Zukunft wurde initiiert, um über interdisziplinäre Grenzen hinauszublicken",

erläutert Professorin Simone Linke, Koordinatorin des Forschungsprojekts an der TUM. Und weiter: "Wir dürfen nicht mehr in unseren disziplinären Silos bleiben. Erst wenn Praxis und Wissenschaft die Beweggründe des jeweils anderen verstehen, können wir gemeinsam zielorientiert forschen, arbeiten und planen." Das Projekt wurde von 2018 bis 2024 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Leitinitiative Zukunftsstadt gefördert.

Klimaanpassung durch Stadtgrün

Bäume spenden Schatten und tragen dazu bei, die direkte Sonneneinstrahlung auf Oberflächen und damit deren Temperaturen zu reduzieren; durch Verdunstungskühlung regulieren Pflanzen die Umgebungstemperatur und erhöhen die Luftfeuchtigkeit; begrünte Flächen dienen als Retentionsflächen; natürliches Grün reinigt die Luft, trägt zur Ästhetik bei und schafft Räume zur sozialen Interaktion.

"Wir können nur gewinnen, wenn es uns gelingt, die Städte grüner zu machen!",

stellt Simone Linke weiter fest. Stadtgrün bietet energetische, wirtschaftliche und ökologische Vorteile. Der konkrete Einsatz zur Klimaanpassung hat zu Recht in den letzten Jahren den Schritt vom Luxusgut zur Notwendigkeit vollzogen. "Wir müssen die Klimaorientierung in der Prioritätenliste weiter nach oben schieben. Es darf nicht länger ein Randthema sein. Ohne eine bessere Strategie werden wir in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr gut und gerne in unseren Städten leben wollen. Die Chance, dies zu ändern, dürfen wir nicht verpassen. Daher appelliere ich: Nehmt das Thema der klimaresilienten Stadt ernst!", verdeutlicht die Wissenschaftlerin.

 

Der Altbaumbestand ist von großer Bedeutung. Vergleich Großbaum mit einem Jungbaum rechts daneben.
Ein großer und ein kleiner Baum vor einem Gebäude.

Der Altbaumbestand ist von großer Bedeutung. Vergleich Großbaum mit einem Jungbaum rechts daneben.

Foto: © Sandra Feder, GSdZ, TUM
Best Practice in München: Gemeinschaftsgarten mit Gewächshäusern auf dem Dach des Gebäudes wagnis4 in München, a2 freising architekten + stadtplaner (Planung) und FreiRaum Architekten (Außenanlagen)
Dach mit vielen Pflanzen. Im Hintergrund der Olympia-Fernsehturm.

Best Practice in München: Gemeinschaftsgarten mit Gewächshäusern auf dem Dach des Gebäudes wagnis4 in München, a2 freising architekten + stadtplaner (Planung) und FreiRaum Architekten (Außenanlagen)

Foto: © Wolfgang Heidenreich

Reallabor München

Die Stadt München und ihr Umland waren ein ideales Forschungsfeld für das Projekt. München ist eine wachsende Metropolregion, die gleichzeitig auf knappe Flächenressourcen, vielfältige (städte)bauliche Anforderungen aus Wirtschaft, Wohnungsmarkt und Verkehr sowie die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels reagieren muss. Um diese Zielkonflikte zu lösen, erprobte die Stadt gemeinsam mit den Forschenden von TUM, LMU und IÖW, wie Klimaanpassung in die Stadtplanung integriert werden kann. Vor allem in der Bauleitplanung gibt es Stellschrauben, mehr Stadtgrün zu fördern oder Kaltluftleitbahnen von Bebauung freizuhalten. Dach- und Fassadenbegrünungen an einzelnen Gebäuden bieten sich sowohl für bestehende als auch für neue Quartiere an. Das Forschungsteam begleitete dazu Verfahren, befragte Anwohnerinnen und Anwohner und führte mikroklimatische Simulationen durch.

Übersicht Reallabore der F+E Phase
Karte von München mit sechs runden Fotos verschiedener Stadtteile.

Übersicht Reallabore der F+E Phase

Foto: © GSdZ, TUM
Überblick über die drei Themenfelder zur Klimaanpassung und die entsprechenden Beurteilungskriterien
Kreisdiagramm mit Wörtern in einzelnen Segmenten

Überblick über die drei Themenfelder zur Klimaanpassung und die entsprechenden Beurteilungskriterien

Foto: © Marion Schiffer, GSdZ, TUM

Planungs- und Realisierungshürden überwinden

Die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen in den oft unter hohem Flächendruck stehenden Stadtstrukturen ist komplex und vielschichtig. Nicht selten konkurrieren Grünflächen mit Flächen für den ruhenden und fahrenden Verkehr, weshalb gerade die Mobilitätswende ein wichtiger Baustein für die klimaresiliente Stadt ist. "Viele Kommunen haben sich mehr Klimaanpassung bereits zum Ziel gesetzt. Durch das Klimaanpassungsgesetz des Bundes könnten sie dazu sogar bald verpflichtet werden", so Linke. "Der praxisorientierte Werkzeugkasten wurde entwickelt, um Stadtgrün gezielt für die Klimaresilienz zu planen. Interessierte können sich die Materialien selbst erarbeiten und als Argumentationshilfe, Leitfaden und Planungstool nutzen. Aus Forschungssicht ist das Projekt abgeschlossen, wir stehen natürlich für Fragen zur Verfügung, können aber in der kommenden Anwendungsphase keine konkrete Planungsunterstützung leisten. An dieser Stelle geben wir den Staffelstab weiter. Uns ist wichtig, dass der Leitfaden jetzt nicht in der Schublade verschwindet, sondern mit Unterstützung vieler Akteure wie z.B. der BEN in die reale Anwendung kommt." Markus Weinig ergänzt: "Die Umsetzung liegt nun bei den kommunalen Entscheidungsträgern, den Bauherrinnen und Bauherren und den Planungsbüros. Die BEN bietet allen ihre Unterstützung in Form einer kostenfreien Erstberatung, zum Beispiel als orientierender Überblick oder zu Lösungsansätzen bei projektspezifischen oder detailbezogenen Fragestellungen."

Per Checkliste zu mehr Klimaresilienz

Die Informations- und Planungsangebote unter www.gruene-stadt-der-zukunft.de richten sich an Entscheidungsträger aus Kommunalverwaltung, Stadt- und Landschaftsplanung sowie Architektur. Angesprochen sind auch private und gewerbliche Bauherrinnen und Bauherren sowie Wohnungsbaugesellschaften und Projektentwicklungsbüros. Anhand zahlreicher Best-Practice-Projekte werden Leitfäden für die Integration von Grünflächen in die Bauleitplanung und eine nachhaltige Quartiersentwicklung gegeben. Erfolgreich realisierte Objekte mit Dach- und Fassadenbegrünung zeigen zahlreiche Grüntypologien für Neubauten und Bestandsprojekte. Wer möchte, kann sich direkt eine Checkliste herunterladen und loslegen.

Simone Linke blickt optimistisch in die begrünte Zukunft: "Es gibt viele Ideen, das Thema weiter voranzutreiben. Es hat intensive Gespräche und Workshops gegeben, auch mit dem BDLA und der Architektenkammer – an Motivation und Konsens, das Thema der Grünen Stadt gemeinsam mit vielen weiteren Aktionen und Projekten Schritt für Schritt voranzubringen, mangelt es nicht." Markus Weinig geht sogar gedanklich noch einen Schritt weiter: "Der Wunsch wäre, dass die Praxishilfen und Ergebnisse bei allen Planenden, Bauenden und in der Verwaltung zum Standard werden. Dann wäre die Stadt der Zukunft – grün, blau, nachhaltig und vielfältig – Wirklichkeit."

Weitere Infos zum Projekt unter diesem Link.

Zukunftsbild: Fiktives Neubauquartier mit öffentlicher Unterstützung partizipativ in der Fläche und am Gebäude begrünte, geplant unter Einbezug der Bewohner*innen.

Zukunftsbild: Fiktives Neubauquartier mit öffentlicher Unterstützung partizipativ in der Fläche und am Gebäude begrünte, geplant unter Einbezug der Bewohner*innen.

Foto: © Zukunftsbild IÖW / V. Haese 2021Volker Haese, IÖW

Autorin: Bettina Sigmund

Interviewpartner/Statements:

Prof. Dr. Simone Linke, Lehrstuhl für Stadtplanung und Landschaft, Hochschule Weihenstephan

Markus Weinig M.Sc, Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit